Über die dramatische Lage der Ukraine nach dem Scheitern ihrer Sommeroffensive, das Interesse der Russen an Verhandlungen – und das Eskalationspotential deutscher Taurus-Lieferungen
Im Gespräch mit General a.D. Harald Kujat
Seit Ausbruch des Ukrainekrieges führt die PAZ in unregelmäßigen Abständen Interviews mit einem der höchstrangigen deutschen Soldaten der letzten Jahre. Während die meisten Medien nur von ukrainischen Siegen berichten, zeichnet er in diesen Gesprächen stets ein deutlich nüchterneres Bild der Lage. So auch diesmal.
Herr Kujat, vor einigen Tagen schrieb der US-amerikanische Journalist Seymour Hersh unter Berufung auf Quellen aus dem Sicherheitsapparat seines Landes, dass der Ukrainekrieg faktisch entschieden sei und die Ukraine keine Chance mehr auf einen Sieg habe. Teilen Sie diese Ansicht?
Hersh hat nicht nur gesagt, dass der Krieg vorbei ist, sondern dass Russland ihn gewonnen hat. Ich würde das etwas differenzierter formulieren, da die Frage, wer einen Krieg gewinnt, mehrere Dimensionen hat. Politisch gewinnt einen Krieg – das hatte ich schon in unseren früheren Gesprächen gesagt – wer die politischen Ziele erreicht, deretwegen er den Krieg führt. Dies wird in diesem Konflikt keiner Seite gelingen. Russland wollte die NATO-Erweiterung verhindern und muss nun den Beitritt Finnlands und Schwedens hinnehmen. Die Vereinigten Staaten wollten mit ihrer Unterstützung der Ukraine den geopolitischen Rivalen Russland politisch, ökonomisch und militärisch schwächen. Auch dies ist nicht eingetreten. Russland ist keineswegs isoliert, die BRICS-Organisation hat am 24. August sogar sechs neue Mitglieder aufgenommen. Weitere Staaten wollen beitreten, darunter die NATO-Mitglieder Türkei und Griechenland. Die Wirtschaftssanktionen erweisen sich vor allem für den Westen als Nachteil. Und militärisch ist Russland stärker als vor dem Krieg. Auch die Ukraine, deren Ziel die Wiederherstellung der vollen Souveränität über ihr gesamtes Staatsgebiet in den Grenzen von 1991 ist, wird dieses Ziel nicht erreichen.